Die NRZ-Kolumne: Günter guckt hin

Porträt Roland Günter

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10. September 2003

Vom Krieg lernen


Um 1560 begannen für den Niederrhein zwischen Kleve und Essen/Dorsten rund 100 Jahre Krieg – unvorstellbar. Wir erleben solche Kriege in absehbarer Zeit wohl kaum mehr auf unserem Boden – aber in anderen Bereichen der Welt sind sie hochaktuell. Wenn es nur eine Spur von Mitgefühl gibt, mag es sich an dem bilden, was sich einst auf unserem eigenen Terrain abspielte.
Und so ist im hundertjährigen Krieg die Leidens-Geschichte der Bevölkerung das Gegenstück zu den kriminellen Delikten der Soldaten – gnadenlos verwüsteten sie den Niederrhein, bis tief ins Ruhrgebiet. Dabei waren die Soldaten des eigenen Landes ebenso gefürchtet wie die fremden.

Route der Kriegs-Leiden
So könnte man, von Rheinberg und Orsoy aus, am rechten Niederrhein in Götterswickerhamm, Dinslaken, Voerde, Wesel, im Lippe-Tal um Krudenburg, Hünxe, Gartrop, Schermbeck, Dorsten eine ergreifende „Route der hundertjährigen Kriegs-Leiden der Menschen“ anlegen – mit Text-Tafeln. Die Unterlagen dafür hat der Hünxer Gemeindedirektor Friedrich Sander schon in den 1960er Jahren in einem Buch publiziert.
Die einst wunderbare Stadt Wesel wurde zu einer „Stadt der Kette der Katastrophen“ umgewandelt. Dies alles erfahren die Touristen nie. Es würde ihnen jedoch den Spaß an der Bewegung und am Wald nicht verderben, an einem solchen Tag etwas über die Menschheit gelernt zu haben, vielleicht auch seinen Blick zu verändern – sie hätten doppelten Gewinn. Und mit der Vorstellungs-Kraft, die sie dann entwickelt, sagt ihnen diese Landschaft mehr als beim bloßen Durchstrampeln.
Denn vom Krieg kann man alles gegen den Krieg lernen. Im Krieg gibt es einzig die Barbarei und sonst nichts. Ob Angreifer oder Angegriffene – jeder ist „nur ein Stück Dreck“, wie mir ein Organist sein Gefühl als Soldat aus dem letzten Krieg ausdrückte. Und bei jedem nächsten Krieg erscheinen in den Medien jede Menge Weichspüler-Leute, die um den Krieg herumreden. Gegen sie immun zu werden, wäre eine Leistung, die auch am Niederrhein möglich ist.